Alltagsszenen aus Havanna – oder was die Stadt so besonders macht.


Ein ganz normaler Morgen in Havanna…

Das alte, amerikanische Sammeltaxi – genannt Maquina oder Almendron – hält auf mein Zeichen mit quietschenden Bremsen. Die Insassin auf der Vorderbank rutscht näher zum Fahrer, so dass ich noch daneben passe.

Laute Salsa-Musik beschallt schon morgens die Fahrgäste, die alle frisch gewaschen und gekämmt sind, dennoch unterschiedlicher nicht sein könnten.

 

 

Die schwarze Schönheit neben mir hält auf den Knien eine quietschrosa-neonfarbene Handtasche im Stile von Longchamp. Ihre überlangen Fingernägel sind kunstvoll gestaltet mit Straßsteinchen und in verschiedenen Farben.

Hinten sitzt ein gut beleibter junger Mann, Sonnenbrille, Baseballkappe, dicke goldfarbene Halskette und Tatoos auf beiden Armen, der eine Arm lässig aus dem Fenster gelehnt.

Daneben ein schmächtiges Großmütterchen, sie hält ein weißes, gefaltetes Taschentuch in der Hand und fühlt sich offensichtlich unsicher. Der Fahrer schaut verständnisvoll und beruhigt sie: „tranquila mami, ich sag dir schon wo du aussteigen musst.“

Kurz darauf steigt noch eine Mutter mit Kind ein, sie balanciert eine lilafarbene Torte, die wohl für einen Kindergeburtstag gedacht ist. Ihr Töchterchen ist entsprechend niedlich hergerichtet, mit Tüllkleidchen und Schleifchen im Haar. 

 

 

Man könnte meinen, dies zeigt einen Querschnitt der kubanischen Bevölkerung….  NEIN! Weit gefehlt. Wer hier mitfahren kann, gehört schon zur oberen Mittelklasse. 10 Pesos cubanos kostet die Fahrt (0,50 €), das können sich die allerwenigsten Kubaner leisten. Als Staatsangestellte verdienen sie nicht mehr als 25-30€ im Monat, da ist eine solche Taxifahrt der pure Luxus.

Der öffentliche Nahverkehr in Havanna (eine Stadt mit 2,2 Mio. Einwohnern) ist eines der ganz großen Probleme der Stadt. Ein wirklich gut funktionierendes Busnetz gibt es nicht, S-Bahn oder U-Bahn schon gar nicht.

Der „normale“ Kubaner nimmt den Bus für 1 Peso, sofern dieser kommt und noch ein Platz zu ergattern ist.

Oder er ist geht zu Fuß. Ganz wenige besitzen ein Fahrrad.

Noch weniger besitzen ein eigenes Auto. Ein 15 Jahre alter klappriger Lada kostet etwa 15 000 €. Das wollen oder können sich noch nicht mal die wenigen ansässigen Ausländer unbedingt leisten. 

 

 

 

 

Meine Fahrt vom gut bürgerlichen Stadtteil Vedado, wo ich wohne, geht durch das Arbeiterviertel Centro und endet schließlich am Parque Central, dem Herz von Havanna, nahe der Altstadt Habana Vieja.

Ich genieße diese Fahrt entlang der „Linea“ jeden Morgen aufs Neue. So viel Interessantes ist am Straßenrand zu beobachten. 

Da steht ein Mann auf der Leiter und streicht an der Fassade einer prachtvollen Jugendstilvilla. In knalligem Rot leuchten nun die Schnörkel. 

Daneben steht eine klapprige Holzkarre, ein ausgemergelter Alter in ehemals weißem Unterhemd verkauft Obst und Tomaten, die so verschrumpelt aussehen, dass sie in der EU höchstens für Tomatenmark in Frage kämen.

Auf dem kleinen Platz daneben hat sich eine Seniorengruppe zum Frühsport versammelt. Tai Chi wird praktiziert – wohl von den ehemals sozialistischen Genossen in China oder Vietnam übernommen. Es gab immer einen intensiven, freundschaftlichen Völkeraustausch. Man trifft auch immer wieder auf deutsch sprechende Kubaner, die in der ehemaligen DDR studiert haben.

 

 

Wir biegen in Centro auf die Avendia Italia ein. Galiano – hier pulsiert das Leben besonders intensiv. Fast nur alte Oldtimer (Maquinas) sind auf der Einkaufsstraße zu sehen, wenige moderne Autos. Die Fußgänger gehen ohne Hast unter den Arkaden entlang, vorbei an bescheidenen Straßenverkäufern.

Vor dem Kaufhaus Epoca (eines der wenigen größeren) steht schon eine Menschentraube und wartet auf Einlass. Die Schaufenster erinnern mich ebenfalls an DDR-Zeiten, vereinzelt Kleidungsstücke, bescheidene Qualität, schon aus dem Abstand zu erkennen.

 

Vor dem Friseurladen steht der Meister und wartet auf Kundschaft.

Kubanische Friseure sind wahre Künstler, sie zaubern Bilder und Motive in die Kurzhaarschnitte. Ein ordentlicher Haarschnitt ist für den Kubaner ein Muss.

Überhaupt legen die Menschen sehr viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres, oft mehr als das Portemonnai erlaubt. Erinnert mich irgendwie an die „bella figura“ der Italiener.

„Hola Preciosa“, ruft der Friseur einer gut gebauten Schönheit hinterher, die mit gekonntem Hüftschwung an ihm vorbeigeht.

Kubanerinnen haben eine sehr eigene, laszive Art zu gehen. Ihr Hüftschwung ist ausladend und damit das gelingt, wird das Knie bei jedem Schritt durchgedrückt, der Fuß wird dabei von der Ferse zum Ballen abgerollt. Nichts für Eilige!

Aber probier’ es mal aus, du wirst feststellen, dass es auch dein Körpergefühl verändert. Du fühlst dich gleich viel sinnlicher!

Kuba hat nicht zuletzt deshalb eine sehr ansprechende Körperlichkeit. Es kommt was ins Schwingen…egal ob Mann oder Frau!

 

Am Ende der Avenida Italia und unmittelbar neben dem barrio chino, dem kleinen Chinatown Havannas, befindet sich der Parque Jurita und eine Sammelstelle der Überland-Sammeltaxis.

Am Parque de la Fraternidad – dem Park der Brüderlichkeit, mit zahlreichen Büsten berühmter Staatsmänner rund um einen wunderschönen Kapokbaum verteilt – ist heute Endstation meiner Maquina-Fahrt. 

 

Ich steige oft am Parque de Fraternidad aus und laufe den restlichen Weg bis zum Bacardi-Gebäude, um zu Fuß die Großartigkeit Havannas besser aufnehmen zu können. Es hat mich stets zutiefst beglückt und erfüllt. 

 

Jeden Morgen wenn ich am Parque Central ankomme, geht mir beim Anblick der monumentalen Gebäude, der Schönheit des Gran Teatro das Herz auf.

 

Die fröhliche Energie der Menschen, das intensive Sonnenlicht, der Duft des Meeres….Die Magie von Havanna ist unbeschreiblich.

 

In der Cafeteria „Panaderia Francesa“ am Parque Central kaufe ich mir noch ein Frühstückscroissant und schlendere dann hinüber zum Edificio Bacardi ins Büro.

Mein Arbeitstag in Havanna beginnt….

 

 

 

2018-10-29T11:21:13+00:0027. März 2018|
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